SatzLehrgang – Hans Peter Reutter

Kadenzen: Imperfizierungen der Klauseln

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Im Verlaufe einer Melodie oder eines mehrstimmigen Stückes geraten Einschnitte unterschiedlich schwerwiegend. Ein Stück, das immer wieder Schlüsse aufweist, jede Phrase mit Kadenz beendet und diese womöglich alle gleich stark gestaltet, wäre musikalischer Blödsinn. Deswegen haben sich differenzierte Mittel herausgebildet, Schlüsse zu überspielen, leichter zu gestalten, offen zu halten oder die Schlusswirkung in Frage zu stellen. Zusammenfassend könnte man das als „Unvollkommen-Machen der Kadenz“ bezeichnen – daher das latinisierte Wortungetüm „Kadenzimperfizierung“. Meines Wissens ist es von dem Musiktheoretiker Christoph Hohlfeld (1922-2010) geprägt worden. Der Begriff bietet sich an, da er verschiedene Vorgehensweisen, Schlüsse leichter zu gestalten umfasst, die mit „Trugschluss“ nur unzureichend umschrieben wären: in der Harmonielehre ist mit Trugschluss eigentlich nur eine spezielle harmonische Fortschreitung gemeint.

Besonders wichtig, Kadenzen zu überspielen, war es in der Zeit der Vokalpolyphonie. Denn: jede Textzeile endete gemeinhin mit einer Klausel (also einer melodischen Schlussformel), typischer Stil war es allerdings, eine stetig fließende Musik zu schaffen, die mit sehr wenigen deutlichen Einschnitten auskommt. Das einfachste Mittel, eine Klausel zu überspielen, zeigt uns folgender Ausschnitt aus dem Credo von William Byrds „Missa à 3“:

Et in Spiritum sanctum Byrd cadenza fuggita

Der Bass vollführt von T. 109 auf 110 eine synkopierte Diskantklausel (das fis galt dabei als selbstverständlich und wurde deshalb vom Komponisten nicht notiert). Auch der Tenor steuert zur selben Zeit auf eine Klausel hin, eine Tenorklausel, beendet den Text allerdings schon in der vorletzten Note der Klausel, dem a und bricht damit die Klausel ab. Während der Bass den Schlusston g der Phrase aushält, beginnt nach einer halben Pause der Tenor bereits mit der nächsten Textzeile (d.h. auch einem neuen musikalischen Soggetto). Dies wird manchmal eine Cadenza fuggita genannt.

Eine andere einfache Methode er Kadenzimperfektion besteht darin, die Schlussnote in einer Stimme zu verkürzen und in der Bewegung den Schluss zu überspielen. So zu sehen und hören zu Beginn des zweistimmigen Abschnittes „Per illud Ave“ aus Josquin Desprez‘ Motette „Benedicta es caelorum regina“ (Soundfile auf Spotify):

Per illud Ave

Von Mensur 3 auf 4 sehen wir eine Tenorklausel im Altus und eine verzierte Diskantklausel im Tenor (meines Wissens ist das Kreuz hier Original, aber das sehen manche Chöre anders und singen hier ohne Leitton, die Kadenzüberspielung stärker betonend). Aber da die Textzeile noch nicht beendet ist und der Abschnitt sowieso gerade erst begonnen hat, wird die Schlussnote im Altus im Viertellauf nach oben verlassen. Die erste deutliche Kadenz findet dann in Mensur 5/6 statt – auch dort mit Verkürzung der Schlussnote im Altus, jedoch wesentlich ruhiger.

Aber auch das Modizieren der Klauseln durch andere Schlusstöne ist dem Renaissance-Kontrapunkt bekannt. So gibt es die Möglichkeit, die Diskantklausel in die sechste Stufe abwärts zu führen, also eine Art harmonischen Trugschluss in den Sextakkord der vi. Stufe zu machen.

<Beispiel>

Wenn der Bass als einziger uns um die Schlusswendung V – I betrügt und stattdessen in die VI. Stufe geht (im Italienischen bisweilen anschaulich „inganno [Täuschung]“ oder „Cadenza finta [gefälschte Kadenz]“ genannt), haben wir quasi die moderne Form des harmonischen Trugschlusses.

Was uns heute fremder erscheint, ist die trugschlüssige Wendung des Basses von der V. in die IV. Stufe, harmonisch gesprochen eine invertierte Kadenz Dominante-Subdominante. Dies funktioniert nur mit Stimmkreuzung oder im vielstimmigen Satz mit pausierenden und neu einsetzenden Stimmen ohne Quintparallelen.

Hören wir dazu den Beginn des Madrigals „Interdette speranze e van desio (Soundfile auf Spotify)“ des Monteverdi-Zeitgenossen Sigismondo d’India. Wenn wir unser Empfinden geschult haben, die vielen angedeuteten Klauseln und ihre Nicht-Einlösung während der wie Lava sich dahinschiebenden ersten anderthalb Minuten wahrzunehmen, dann wirkt der subdominantische Trugschluss bei ca. 1’40 umso stärker und wie ein echter Betrug!

Natürlich geht es in diesem manieristischen Madrigal von 1606 einmal mehr um unerfüllte Liebe, begleitet von „Verbotenen Hoffnungen, eitlem Verlangen, trügerischen Gedanken, gierigem und blindem Verlangen, traurigen Tränen und ihr, ihr Seufzer und Schmerzen“ (so eine Prosaübersetzung des Gedichtes von Jacopo Sannazaro). Kann man das musikalisch sinnreicher umsetzen…?

<weitere Ergänzungen folgen in Kürze>

weiter zu: Trugschluss

Letzte Aktualisierung 22.07.12

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